Möööööhp!

Im Wartezimmer…

Also, ich muss dazu sagen: Wenn ich zu meinem Hausarzt gehe, dann ist das immer ein Erlebnis. Zum ersten ist das so ein Phänomen: Man kommt vor dem Termin zum Arzt und verlässt so ziemlich als letztes das Wartezimmer. Heißt also: Der Inhalt des Zimmers wurde hat geschätzte 4981 Mal durchgewechselt. So hat man natürlich auch alle möglichen Arten von Menschen. Ist in etwa so, als ob man in ner großstädtischen U-Bahn sitzt und den ganzen Tag blöd hin und her fährt. So, zum Thema Wartezimmer:

Gestern war ich mit meinem Opa dort. Zum ersten macht man die Tür zum Zimmer auf und es zieht einem ein Muff entgegen wie aus nem geschlossenen Affengehege vom zoologischen Tiergarten. Ich hab da ja viele Theorien, warum es da immer so riecht wie in nem Pumakäfig. Die Wahrscheinlichste: Alle sitzen sie da wie die Hühner auf der Stange und dann sieht man mal so kurz, wenn die Leute von ihrer illustrierten Bunte oder Gala aufschauen. So ganz kurz und ganz verschämt. Das ist der Moment der heimlichen, aber doch präsenten Flatuenz 😉 Und wenn das ganze Wartezimmer einmal quer durchpupt – joa, dann kommt da schon ne ganz schöne Muffansammlung zusammen. Aber der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier und sobald man mal kurz drin sitzt, dann ist man halt Teil des Muffs (was nicht heißt, dass ich mich der besagten Flatuenz anschließe, is klar ;)).
So, du sitzt also nun da auf deinem Stühlchen und wartest. Man könnte sich natürlich auch jetzt eine Zeitschrift nehmen, wenn da nur nicht schon alle Guten in Besitz der Damenwelt des Wartezimmers wären. Du hast also nun die Auswahl zwischen „Auto, Motor und Sport“ und der „Freizeit Revue“, wo dir schon Helene Fischer entgegenstrahlt. Alternativ hättest du auch noch ein paar Prospekte zum Thema Demenz und/oder Inkontinenz, aber da lehne ich auch lieber dankend ab. Natürlich hättest du noch deinen Ebook-Reader – der dir allerdings nicht viel nutzt, wenn er daheim auf der Kommode liegt. Also: Bleibt nur der Umgebungscheck.

Neben dir sitzt dein Opi. Ein ganz lieber Mensch. Mittlerweile etwas schwerhörig und dementsprechend auch lauter sprechend. Er sagt dir, dass er jetzt momentan ganz toll schläft. Wenn er nicht ständig 4-5 Mal in der Nacht aufs Klo müsste. Eine Tatsache, die nicht nur mich, sondern die ganze Belegschaft im Wartezimmer brennend interessiert hat und alle wahrscheinlich nur noch mehr zur Flatuenz inspiriert.

Auf dem Stuhl neben dir sitzt ein Mann in den Mittfünfzigern, der mit seinem Smartphone restlos überfordert ist. Er schiebt die Brille auf die Nasenspitze und hält sein Handy eine Armlänge von sich weg, um überhaupt was zu sehen. Er stellt fest, dass seine Fingerspitzen zu groß für diese blöde Tastatur ist, resigniert und steckt sein Teil wieder in die Tasche, während du hoffst, dass ihn eventueller Vibrationsalarm nicht auch noch zum Flatuieren anregt.

Auf der Bank nebendran sitzt eine Frau in den Mittvierzigern. Lässig hat sie die Beine übereinander geschlagen und hat beim Anziehen ihrer Pumps nicht so ganz verstanden, dass Tennissocken dazu superscheiße aussehen. Die Haare hat sie ganz kurz geschnitten und jede Schambehaarung würde beim Anblick dieser Locken neidisch werden. Dazu hat sie die Gala aufgeschlagen und kommentiert jeden Artikel mit heimlichem Gemummel. Oder sie hat sich selbst alles vorgelesen („Also diese Kardäschjän..was macht die überhaupt – och was ist das Kind süß – das Kleid von der Käääit muss ich mir mal merken – oh das Rezept sieht gut aus. Ob das der Klaus auch mag?“).

Dein Blick schweift auf die Frau neben ihr. Geschätzte Mittsechzigerin. Man könnte meinen, hier handelt es sich um eine betuchtere Dame, die dennoch ein Gespür für Stil hat und sich ihrem Alter entsprechend kleidet. Stattdessen handelt es sich hier um eine Dame, die ihre rosa Socken in Gummicrocks (stimmt das, Laura? 😉 ) gesteckt hat. Dazu trägt sie einen Baumwollrock und ein gelbes Schlabbershirt. Das wäre ja nicht so schlimm, wenn die Frau nicht breitbeinig dasitzen würde und einen Blick auf ihren weißen Baumwollschlüpper offenbaren würde. Du bist dankbar, dass du den Platz gewählt hast, der nicht gegenüber von dieser Erscheinung ist, der aber womöglich auch noch in Windrichtung der potentiellen Flatuenz liegen würde. Die Dame ist offenbar dezent sauer, da sie noch länger im Wartezimmer sitzt.

Gegenüber der Dame sitzt wohl ihr Sohn, der sie zu diesem Besuch begleitet hat. Er trägt eine Jogginghose der Marke Rooooobääääääärt„Uncle Sam“, die allerdings unterhalb der Wade endet. Oberhalb wurde besagte Jogginghose bis über den Bauchnabel gezogen. Die Dame und der Sohn halten eine lautstarke Konversation, den besagte Dame ist offenbar auch nicht mehr so fit im Hören:
Dame: „Sachemoooo, wie lang san mer scho hier?“
Sohn: „Wos isch net. So halbi Stunn?“
D: „Hä?“
S: „HOOOOLWIEEE STUNNNN“
D: „Hä? Holwiee Stunn? Wieso watte mir dann immer noch?“
S: „Isch soch därs, des geht hier ned mit reschde Dinge zu.“
D: „Hä?“
S: „Isch hob gsocht…..“

Diese Konversation wiederholt sich dann so oft, bis zu gedanklich aufstehst, den Sohn auf den Platz neben seine Mutter zerrst und sagst „HÄTTEN SIE DIE GÜTE, SICH DIREKT VON ANGESICHT ZU ANGESICHT ZU UNTERHALTEN?“. Gedanklich. Natürlich bleibst du weiterhin sitzen und beobachtest das weitere Geschehen.

Was wäre nämlich ein Wartezimmer ohne Kinder? Hier wäre es natürlich zu einfach, ein Kind zu verlangen, was geschätzte 9 Jahre alt ist und schön brav „Das lustige Taschenbuch“ liest. Stattdessen hast du ein Kind, was das ganze Wartezimmer zusammenbrüllt und sich möglicherweise in der Trotzphase befindet. Wenn es nicht gerade brüllt, dann schmeißt es mit Bauklötzen im Wartezimmer rum, während die Mutter geduldig auf das plärrende Kind einredet „Leopold. Hörst du bitte auf?“. Leopold ist das natürlich scheißegal. Die Mama übermittelt dem Kind nun ihre Emotionen „Leopold. Die Mama möchte das nicht“. Leopold ist das wohl noch scheißegaler, denn er hat festgestellt, dass man die Bauklötze auch auf den Boden kloppen kann und damit einen Scheißlärm erzeugt. Mama stellt nun fest „Leopold. Das ist nicht schön, wenn du das machst. Schau mal, die Leute sind ganz traurig. Die möchten das nicht. Und Mama möchte das auch nicht“. Mama hat hierbei wahrscheinlich nicht in mein Gesicht geschaut. Denn die Krissy ist nicht ganz dolle traurig, sondern scheißewütend und tierisch genervt, weil Mami klein Leopold nicht mal in die Grenzen weist. Leopold ist nämlich ca. 4-5 Jahre alt und verkündet lautstark „Mama, Pipi!“. Mama greift in ihre Überlebenskiste und holt klein Leopold eine Windel raus. Leopold will aber gar nicht mit Mami ins Bad gehen, damit sie ihm wohl eine Windel anziehen kann. Leopold verkündet das ebenfalls lautstark mit „Naaaaaaaaaaain. Hierbleibeeeeeeen. Whääääääääää“. Mami redet behutsam auf Leopold ein „Leopold. Wenn du Pipi musst, dann musst du die Windel anziehen. Und das kann ich hier nicht machen, denn hier sind noch Leute und die sehen alle deinen Pipimann.“ Leopold ist daraufhin wahrscheinlich auch ganz traurig. Dem ganzen wird ein Ende gesetzt, als die Arzthelferin nun „Leopold“ aufruft.

Ein junger Mann kommt rein, der aber nur körperlich da ist. Geistig ist er beim WhatsAppen und später auch am Telefonieren. Hier muss er seinem Gegenüber natürlich mehrmals mitteilen, dass er beim Arzt ist. Aber er ist im Wartezimmer und kann das ja jetzt nicht so öffentlich sagen. Verständlich.

Dein Opi wird nun aufgerufen und du bist glücklich und zufrieden mit deiner Berufswahl – Arzthelferin mit einer täglichen Konfrontation dieser Art von Menschen fändest du nämlich echt scheiße.

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2 thoughts on “Im Wartezimmer…”

    1. Oh Lauraschatz, nicht wie daheim fühlen. Oder hast du auch so ein Flatuenz-Exemplar daheim? 😉
      Aber vielen Dank fürs Kompliment 🙂

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